Wanderbaustelle. eu

 

 

Rennstrecke/ Kastellaun 2005

 

Bislang war mir das „heizen“ auf Rennstrecken gedanklich eher ein Graus.
Mein bevorzugtes Revier war definitiv die Landstraße, also das entspannte surfen auf
der Kurvenwelle sozusagen.

Nach Fertigstellung der Wanderbaustelle im Bereich des Fahrwerks im Jahre 2005
schlug Joachim vom Eyser von BCD vor, ihn und einige seiner Freunde und Kunden
doch mal auf eine kleine Strecke zu begleiten.
Mein schüchtern vorgetragener Einwand „keine Erfahrung“ wurde mit einem „macht
nichts, macht nichts“ beiseite geschoben.
Meine Anwesenheit bei den „Prüf- und Einstellfahrten“ durch Fremdanmeldung sicher gestellt.

Die nach einiger Zeit nachgeschobene Stichelei „keine Leistung“ - es war ja noch ein
„Hilfs“motor ohne erhöhte Leistung drin - wurde mit hochgezogener Augenbraue und
einem „wo ist mein Excel ?“ entgegnet (für Nichteingeweiht: Kostenberechnung in Excel).
Bevor sich die abzurechnende Stundenzahl des gesamten Projektes in der vom Eyser´schen
Excel-Tabelle durch ganzzahlige Vervielfältiger erhöhen konnte trat ich notgedrungen den
verbalen Rückzug an und freute mich pflichtschuldigst auf den anstehende Termin zur
befürchteten Kaltverformung.

Am besagten Termin, einem Samstag, trafen wir uns rund 190 km entfernt im Hunsrück,
nahe des kleinen Orts Kastellaun auf einer Teststrecke für die Autoindustrie. Es handelt
sich um ein augenscheinlich ehemaliges Munitionsdepot der US-Armee (?) wovon einige
Erdbunker mit schweren Eisentoren Zeugnis ablegten.

Veranstalter des Kringel-Treffens war ein Motorradverein für italienische Zweizylinder.
Diese ließen natürlich auch andere Maschinen zu damit sich der Aufwand lohnte.

Es war alles bestens organisiert. Technische Abnahme war um 9.00 Uhr !.
Es wurde geprüft ob alle Gläser abgeklebt waren (Splittergefahr), die Spiegel demontiert
waren und keine Undichtigkeiten bestanden.
Dazu durfte das Fahrgeräusch nicht zu hoch sein. (95 dB)

Man konnte sich durch Selbsteinschätzung in die passende Gruppe einteilen. Von denen
gab´s an dem Samstag nur zwei.
Da fiel mir die Entscheidung nicht wirklich schwer. Also zu den Anfängern.
Auch bei 5 Gruppen wäre das allerdings meine Entscheidung gewesen.

Die Maschine wurde zwischenzeitlich von Joachim vom Eyser mit passenden Letra-Set
Buchstaben an die Teamfarben angepaßt: „PRESSWURST-RACING“war dann lesbar,
eine nicht unangebrachte Beschriftung wenn man das Durchschnittsgewicht der
Protagonisten, verbunden mit der Schrumpflederkombi vor Augen hatte.
Aber sei´s drum.

 
Original-"Design" der Wanderbaustelle zu diesem Zeitpunkt.

Erst mal starteten die Fortgeschrittenen hinter dem Motorrad des Veranstalters,
einer Aprilia, das ein Fahrer mit orangener Sicherheitswarnweste pilotierte.
Der sollte allen den Kurs für 3 Runden zeigen. Gute Idee.

Die erste Runde fuhr der sehr verhalten um den Kurs, alle machten ihre Reifen warm
und fuhren im Gänsemarsch brav hinterher.
Die zweite Runde ging für uns Zuschauer schon ziemlich flott, Schräglage und
Geräuschpegel zeigten dies deutlich an. Als er dann wieder am Start vorbeikam und
die dritte Runde einläutete zog sich das Feld schon in de Länge um nicht zu sagen:
ein hinterher fahren war kaum noch möglich.

Ein Könner seines Fachs also.

Er stand also keinem im Weg rum und fuhr danach wieder raus, so daß sich alle auf ihre Linie weiter konzentrieren konnten.
Da waren dann schon einige Fahrer schwer beschäftigt und hobelten teures Leichtmetall
vom Ende der Fußrasten und Auspufftöpfe. Machte alles einen schnellen aber durchaus
netten Eindruck.

20 min später waren wir dann dran.
Ausgestattet mit Protektorenweste und Gore-Tex-Anzug nebst Offroadhelm für die
bessere Belüftung reihte ich mich hinter dem Pace-bike ein.
Meister vom Eyser gab mir noch den Tip direkt hinter der Warnweste zu fahren, um
dessen Linienwahl studieren zu können.
Ich dagegen hatte eher Befürchtungen, daß ich den nach den ersten Kurven sowieso
nicht mehr sehen kann.....

Nachdem sich alle locker hintereinander eingereiht hatten ging´s entspannt los.

Nach Start/Ziel, in dem auch die Ausfahrt zum Fahrerager lag, ging es direkt in eine langgezogene 180° Links mit außenliegender Überhöhung durch Rasenpflastersteine.
Diese links ging über in eine breite Gerade, die nach einigen hundert Metern wieder eine kurze Links (Spitzkehre1)mündete, da wurde es schon enger.

Dann direkt wieder links auf einen kleinen Hügel hoch (Fleurop genannt), auf dem Hügel umlegen nach rechts wieder runter, aber nicht einsehbar.
Nach ein paar Metern runter wieder ein Knick links auf die „Bunkergerade“, an den Stahltoren der Ex-Muni-Depots vorbei, Eisenplatten rechts auf dem Boden.

Die folgende Mündung in einen Kreisel hat eine üble Welle, so daß die meisten einen Schlenker  rechts/links machten um in den Kreisel einzufahren.
Diesen verließen wir nach eine halben Runde aber schon wieder in eine ganz lange Rechts, fast eine Gerade, die später in eine Linkskehre (Spitzkehre2) mündete.

Danach wieder auf eine ganz lange Links wieder zu Start-Ziel, wo eine Schikane durch Pylonen die Fahrer vor der wiederum folgenden 180° Links einbremsen sollte.
Direkt nach der Schikane war die Ausfahrt nach rechts ins Fahrerlager, so daß man die Hand vor der Schikane heben mußte um ein eventuelles herausfahren anzuzeigen.

Die ganze Strecke war etwa 1,7 km lang und die Rundenzeiten lagen bei ca. 1:07 min.

 

Das alles konnte ich beim ersten umrunden der Strecke registrieren, was mich nachträglich
wunderte, aber die Warnweste fuhr wirklich sehr schön langsam.

Bilder sind spätere aus 2006 etc. da ich 05 keine gemacht hatte.....


Die zweite Runde zog er das Tempo gerade so an, daß keiner mehr Langeweile hatte
und die dritte Runde machte schon richtig Spaß und ich hing immer noch an seinem Hinterrad.

Bevor in mir das Rossi-Gefühl überhand nehmen konnte zog er nach der dritten Runde
nicht etwa rechts raus, sondern beschleunigte noch mal für eine Auslaufrunde, so daß
ich ausgangs der 180° Links einen kontrollierten 50 m Beschleunigungs- Slide inklusive
200 m -Vorsprung aus dem Nichts heraus bewundern durfte.
Das lenkte die Einschätzung meiner eigenen Fahrkünste umgehend wieder in erdnahe Umlaufbahnen !.

Aber einmal in Fahrt wollte zumindest ein paar schöne Runden hinlegen.
Die Strecke fing an mir Spaß zu machen, die lange Links sorgte für Abrieb an den Fußrasten
und das Anbremsen vor der ersten Kehre machte mir sowieso keine Kopfschmerzen, da
bremsen immer schon was völlig Entspanntes für mich war.
(Ist anscheinend angeboren, trainieren mußte ich das eigentlich nicht.)
Das kam mir jetzt zugute.
Voll in die vordere Bremse, hinten nur leicht, dabei auskuppeln, 2 mal runterschalten und
in Schräglage wieder einkuppeln mit angelegtem Gas, dann links hoch in die Fleurop -
ohne Sicht nach rechts umlegen war das Gewöhnungsbedürftigste - wieder runter mit
Vollgas, an dem links stehenden Pylon mit der Raste knapp vorbei und direkt neben den
Stahlplatten weiter beschleunigen.

Bremspunkt ganz knapp vor der tiefen Welle, beim Eintritt in die Vertiefung leicht aufstehen
und Bremse lösen, einfach gerade durch - auf die Federwege vertrauend - und direkt
nach der Welle wieder die überschüssige Restfahrt abbauend direkt in den
Rechtskreisel einlenken.

Schön tief da durch und schon nach einer viertel Umrundung wieder voll ans Gas.
Das ging auch nur weil ich ja noch die Luftpumpe von Hilfsmotor drin hatte.

Mit geöffneten Schiebern also die lange, leicht rechts gekrümmte Gerade runter und
unter den von rechts reinragenden Ästen eines Strauchs den Bremspunkt gefunden.
Leider mit wild stempelndem Hinterrad auf die Kehre zugeflogen - Kupplung nicht
genug entlastet - und im 2 Gang scharf links ganz eng abgebogen auf eine Art
Gegengerade.

Dies ließ Zeit für einen Blick auf die nachfolgenden Fahrer ..................... nachfolgenden ?

Die ersten kamen gerade erst aus dem Kreisel auf die Gerade eingebogen. Sehr verwunderlich.
Aber die wollten sicherlich noch die Maschinen warmfahren. Das hatte ich nach vom
Eyser´scher Empfehlung schon vorher getan.
Diese Gedanken noch im Kopf, flog auch schon die Schikane auf mich zu.
Ich bremste so spät wie möglich und wedelte um die Pylonen herum um mich dann
ganz außen in die 180° Links einzufädeln.


Nur etwas weiter links waren nämlich derartige Bodenwellen, daß es einem die Maschine
abhebt, was der notwendige Schräglage für die schnelle Links nicht eben zuträglich ist.
Dies durfte ich in einer Runde nach verpassten Bremspunkt auch schon mal er"fahren".

Nach etlichen solcher netten Runden erblickte ich dann vor mir einige andere Fahrer,
die deutlich langsamer waren.
Die karierte Flagge beendete den 20 min-Turn dann aber, und somit auch den gerade
aufflackernden Jagdinstinkt.


Somit bestätigt sich wieder, daß man aufhören sollte wenn´s am schönsten ist.

Ich fuhr rechts raus ins Lager und entledigte mich meiner Jacke und der Protektorenweste.
Verwundert durfte ich registrieren, daß beides naß war. Man schwitzt bei den Turns wie ein Schw***.
Und die Unterarme taten auch weh.
Irgendwo auf der Strecke mußte noch was von meiner nun vermissten Kondition rumliegen.
Leider fand ich die auch nicht in den weiteren Runden der nachfolgenden Turns wieder.

Trotzdem war es spaßig, besonders da ich mich diesmal beim losfahren ins Mittelfeld
einreihen mußte weil ich natürlich etwas zu spät vom Mittagessen etc. kam.

So mit schön vollgefuttertem Bauch (leckeres Essen vom Catering-Service !) hab ich´s
dann ein wenig langsamer angehen lassen.
Gleichwohl reichte die entspannte Fahrweise aus, um einige Erfahrungen im überholen
zu sammeln.
Das sieht erstmal ganz anders, viel einfacher aus von draußen.

Auf der Strecke siehst Du den Vordermann, willst vor der Linkskehre links vorbei, der
andere bremst schon 20 m früher und zieht viel zu früh nach links........
Dann vergeht die Zeit auf einmal in Zeitlupe, ungläubiges Staunen, Fassungslosigkeit
und erst einige Augenblicke später die Suche nach dem Ausweg.
Reflexhaftes reinlangen in die Bremsen hat schon Dein Stammhirn in die Wege
geleitet.
Erst jetzt änderst Du bewußt die Fahrtrichtung weiter nach links, um so gerade noch
die verbleibende Lücke nutzen zu können.

Und trotzdem war´s völliger Blödsinn.

Stammhirn war zu schnell und hat antrainierte Reflexe der Landstraße umgesetzt.
Geschwindigkeit abbauen ist im Straßenverkehr erste Priorität.

Aber nicht auf der Rennstrecke.


Da hätte ein ganz kleiner Schlenker nach links gereicht um mit unverminderter Geschwindigkeit
den Zu-früh-Bremser stehen zu lassen.
Erst danach kam ja mein Bremspunkt und es hätte locker gereicht.
Wieder was gelernt.

Sowas passiert aber nur bei den Anfängern hab ich mir sagen lassen. Die ambitionierten,
erfahrenen Streckennutzer fahren eine stetigere, einschätzbare Linie.
Da gibt´s weniger Überraschungen.

Aber hier: Zur Sicherheit muß man also erst mal den Gegner beobachten welche Linie
er fährt, dann neben ihn setzen damit er Dich bemerkt um dann den eigenen späteren
Bremspunkt auszunutzen. Schaffst Du es nicht vorher neben ihn sondern erst BEIM
bremsen dann darf er eben nicht wackeln........ und Du hast auf der Bremse relativ
wenige Möglichkeiten zur Korrektur.

Mein Fazit nach dem ersten Tag auf einer Rundstrecke:

Es hat Spaß gemacht - keine Frage !

Ich hab vor allem gelernt, daß Straße und Track eben unterschiedlich zu fahren sind.

Und ich hab mir vorgenommen wieder zu kommen. Nächstes Jahr !

 


Hier sind noch ein paar kleinere Filmausschnitte aus Kastellaun:
(für QuickTime player/ 1,7 - 5,6 MB)

Alleine durch Start/Ziel          Start/Ziel II         überholen Ende der 180°-Kurve

  

 

 

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