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Exitus  oder Tod eines Motors


Zur Vorgeschichte:

Der Motor der blauen Schlumpfkuh lief ja nun sehr schön und hatte auch die anvisierte Leistung oberhalb eines z.B. HPN-Antriebs.
Die Leistungskurve zeigte damals allerdings weiterhin eine typische Delle (typisch für die Nocke) im Drehmomentverlauf bei etwa 4500/min.

Während eines zufälligen Treffens mit einem anderen Tuner, damals auch Kunde bei BCD, *Paul Schneller* (Name geändert) in der Halle von BCD-Motoradtechnik zeigte sich dieser wissend und meinte „die kriegste nur weg mit `ner anderen Auspuffanlage.“
Zufällig wäre er gerade „in der Entwicklung“ einer solchen Top-Auspuffanlage und würde mir diese für „einen Freundschaftspreis“ überlassen......
Selbstverständlich wäre nach Anbau der Anlage und „Abstimmung darauf“ die Leistung erstens höher „über den gesamten Bereich“ und natürlich sei dann „die Delle weg“.
Meine schüchtern vorgetragene Frage nach der Höhe des Freundschaftspreises wurde mit einem „das machen wir dann schon“ verbunden mit einem jovialem Schulterklopfen beantwortet. Erst nochmaliges Fragen förderte ein gemurmeltes „so 6-700 Euro...“ zutage.
"Dafür dann aber eine Anlage vom Krümmer bis zum Endtopf."

OK.

Nach einigen Monaten meldete ich mich bei ihm um das Motorrad zu ihm zu bringen.
Seine Firma, nennen wir sie mal *Enzian-Tuning¹*, lag in einer nahen Stadt.

Also Termin gemacht- Mopped gebracht.

1. Überraschung:

Die Firma *Enzian-Tuning* sah so gar nicht nach Firma aus. Wohngebiet, Einfamilienhäuser. Dahinter einen Doppelgarage mit kleinem Satteldach, nachträglich nach hinten erweitert und dort auch in der Breite nutzbar. Darin zwei Arbeitsbühnen, viele Teile (u.a. VW-Käfer-Motoren), aber keinerlei Bearbeitungsmaschinen !!

2. Überraschung:

Der *Paul* machte gar nichts selber. Er hatte einen „Spezialisten“ der die Anlagen für ihn fertigte. Dazu würde er meine Motorrad zu ihm bringen damit die Anlage "angepasst" werden kann. "Das geht nur am Mopped"  Aha. "Dauert so 2 Wochen...."

Also alles dagelassen und freudig gewartet.

Und gewartet.

Und gewartet.

Und angerufen.

„Kein Problem. Ich frage den mal wann se fertig ist“.

Kein Rückruf.

Nach 1 Woche wieder angerufen.
„Der hatte zuviel anderes zu tun“ Aha. „Ist aber jetzt dran“

Weitere Woche verstrichen: Kein Mopped da.

Weiterer Anruf. Jetzt war ich schon schon säuerlich.

„Gab Schwierigkeiten. Der hatte vorher ne Firma, ist jetzt pleite und hat alles verkauft an einen andere Firma, in der er aber seine alten Maschinen nutzen kann“ 
(Gemeint war die Rohrbiegemaschine und das Schweißgerät)
Und weiter: „Der macht aber ne Umschulung oder so und iss tagsüber jetzt in so ner Schule. Darum kann der nur abends. Ist also etwas schwierig und dauert halt. Dafür kriegst ja auch ne tolle Anlage für kleines Geld.“
Mein Hinweis, dass mir das nichts nütze wenn ich meine Maschine jetzt 7 Wochen nicht da hätte, brachte sein Versprechen sich „vordringlich“ darum zu kümmern.

Nach weiteren 2 Wochen und unzähligen Telefonaten mit weiteren Vertröstungen schrieb ich ein Fax an *Enzian-Tuning*, also an *Paul Schneller* mit Fristsetzung und Androhung des Rücktritts vom Auftrag.

Nach weiteren nicht zu beschreibenden Schwierigkeiten sollte die BMW dann nach sage und schreibe 11 Wochen (E L F !) wieder da sein.

Termin zur Abholung gemacht. Der wurde kurzfristig wieder abgesagt, da er für seinen Arbeitgeber, die Firma T***  unterwegs sei....  !?

Überraschung 3:


Der *Paul* war also nebenberuflicher Tuner. Im Hauptberuf aber Verkäufer für eine Firma aus dem Bereich Automotivzulieferer. Aha.
Damit finanzierte er sich wohl früher sein Hobby Rennfahren und hat das dann vergrößert als Gewerbe, vermutete ich.
Nun gut.....

Nächster Termin wurde gemacht zur Abholung.
Kurzfristiger Anruf, er sei „nicht zuhause“ aber seine Freundin sei da und würde mir die BMW übergeben.
Na gut.

Ich solle aber doch bitte das Geld mitbringen. Er hätte jetzt schon alles beim Schweißer vorgelegt. Er bräuchte das jetzt dringend.

Ach ja, der Schweißer hätte Mehrarbeit gehabt und nähme jetzt 1.000,- € !!!

Der nachfolgende Streit bzgl. Vereinbarung gipfelte darin, dass ich nachgeben musste, wollte ich doch mein Motorrad wiederhaben...... ?
Er könnte sich aber auch noch „an jedes Wort erinnern“ und wir hätten „immer über 800 bis 1.000,- € gesprochen“.

Also zähneknirschend die 1.000,- € in einen Umschlag gesteckt und mitgenommen. Ein Freund fuhr mich dann nach Essen. Dort gab ich *Pauls* Freundin das Geld und nahm meine BMW in Empfang.

Da traf mich dann der Schock mit ganzer Härte:
Die ganze Maschine sah aus als hätte sie den Winter als Laternenparker im Freien verbracht. Alles war angerostet !  (Ich habe auch weitere Bilder in hoher Auflösung)

 

Ich rief sofort den *Paul* an, der sagte er wüsste von nichts, der Schweißer hätte die Maschine gebracht, als er nicht da gewesen sei. Er würde das aber klären.

Dann bemerkte ich, dass die Sternmuttern aufgesägt worden waren. Allerdings wurden die aufgesägten weiter verwendet und fanden sich an der Anlage.
Wie mir P.S. später fröhlich mitteilte lag das aber nicht daran, daß diese festgefressen gewesen wären.
(Bei BCD immer schon mit CU-Paste geschmiert)

Nein - der Rohrbieger hätte keinen Sternmutternschlüssel zur Hand gehabt.........
und bevor weitere Zeit verschwendet würde hätte er die eben aufsägen müssen.
Aber das sei ja "Kleinkram".

Dazu rührte sich beim Schlüssel drehen gar nichts - die Batterie war nicht angeschlossen. Wenigstens hatte der Schweißer die abgeklemmt zum Schweißen.
Die Befestigungsschraube hatte er allerdings nicht wieder drangeschraubt.
Die fehlte also.
Der Vater vom *Paul*, der direkt im Haus daneben wohnte, kam rüber und half wenigstens, eine passende Schraube zu finden.

Dann konnte ich endlich die Garage verlassen.

Die BMW lief allerdings auch nach dem Warmfahren „wie ein Sack Muscheln.“
Die Abstimmung passte natürlich nicht zum Auspuff, der auch noch recht forsch klang.
Nachfolgende Reklamationen bei „Freund Paul“ ergab, dass er die BMW noch auf dem Prüfstand abstimmen wollte. (Hatten wir ja auch anfänglich so vereinbart).

Erst nach einigen Wochen hatte er Zeit, so daß ich sie wieder hinbringen konnte, um sie abstimmen zu lassen.
Das war leider 3 Tage vor einer geplanten Tour ins Pfälzische.


Bei der Abholung 2 Tage später wollte der *Paul* dann plötzlich 300,- € für die Prüfstandsarbeiten haben.

Das reichte dann.

Es gab einen Riesenstreit, den ich bis dato, aus Rücksicht auf die damalige Zusammenarbeit von *Paul* mit Jochem vom Eyser, vermieden hatte.
Ich hielt ihm vor er würde mit falschen Versprechungen arbeiten. Er entgegnete, von einer Abstimmung sei zwar die Rede gewesen, aber die würde eben extra kosten.
Auch der Hinweis auf die „verranzte Kiste“, sprich die Rostschäden und den Alufraß am Motor- und Getriebegehäuse wurde seinerseits nicht akzeptiert. Er würde mir „im nächsten Winter helfen, den Motor auszubauen und an jemanden“ zu schicken, der das ganze glasperlt. Im übrigen hätte ich die BMW im Winter nach Essen gebracht und wäre „sicherlich durch Salz gefahren“ und somit selber schuld, wenn ich ihm das nicht miteilen würde. Er hätte sonst „natürlich die Kiste mal abgespritzt.“
Er hätte halt 5 Stunden auf dem Prüfstand verbracht und alles abgestimmt. Sie laufe jetzt aber „super“.
Ich weigerte mich aber etwas zu bezahlen, da wir vereinbart hatten, die Auspuffanlage abgestimmt zu kaufen und ich auch schon mehr dafür bezahlt hätte.

Wir einigten uns darauf den Finanzstreit zu vertagen.

Ich nahm meine BMW in Empfang und startete sie.

Wieder ein Schock....
Sie war derartig laut, dass ich Angst hatte damit zu fahren. Der Deckel des Luftfiltergehäuses wies ein Loch von etwa 15 x 15 cm auf !!!!

Das wäre „notwendig gewesen damit die genug Luft kriegt“ meinte *Paul*.
Er hätte auch passende 180erHauptdüsen verbaut. Damit liefe sie jetzt“ wie Sau“.
Meine Bemerkung wieso er denn nicht mal den Deckel der Vergaser abgemacht
hätte (zur Einstellung der Düsennadel) tat er ab das "brauche man vielfach gar nicht" und er hätte sowieso kein passendes Werkzeug während des Prüfstandslaufes
dabei gehabt für die von mir verwendeten Inbusschrauben. Wie man so allerdings
5 (fünf !) Stunden auf dem Prüfstand zubringe will mit einer einzigen Maschine erschließt sich mir - und auch anderen - bis heute nicht.

Ich fuhr also notgedrungen so los nach Düsseldorf.
Die Kiste war laut, sie ruckelte, und hatte auch nicht gerade überschäumende Leistung.
Da eine Tour anstand rüstete ich wieder auf einen anderen, vollständigen LuFi-Deckel um und bestückte die Maschine mit den vorher auch verwendeten Hauptdüsen damit sie überhaupt fahrbar war.
So gegen 22.00 Uhr war ich fertig und rüstetet die BMW mit Gepäck für das 4 Tage-weekend und die Tour.
Am nächsten Tag wollte ich dazu noch Freund Ralf für die Tour abholen und befuhr die A 52 Richtung M`Gladbach.


Ich kam etwa 25 km weit.


Dann war Ende.
Der Motor streikte und lief nur auf 1 Zylinder. Ich schob die BMW zur Ausfahrt und rief zuerst bei BCD an.
Zuverlässig wie immer versprach Herr vom Eyser sofort zu kommen. Seine Zeit bis zum Pannenort war mit handgestoppten 36:42 min. rekordverdächtig.
Meinen Freund Ralf bestellte ich direkt zu BCD nach Kempen.
Dort trafen wir uns dann alle und untersuchten die BMW. JvE diagnostizierte einen Kipphebelbruch am Auslaß rechts.
Meine Frage nach der Ursache wurde zunächst mit einem Schulterzucken beantwortet. Dann kam raus, dass es eigentlich nur durch ein Überdrehen des Motors zustande kommen könnte.
Sicherheitshalber wechselten wir alle 4 Kipphebel !!!
Die Tour begann dann halt erst gegen 16.00 Uhr......

4 Wochen später (seitdem max. 1.000 km gefahren) auf der A3 kurz vor dem Kreuz Breitscheid ging der Motor bei 170 km/h in einer Rauchwolke auf und verteilte sein Öl feinst zerstäubt auf den nachfolgenden Verkehr.
Durch sofortiges Ziehen der Kupplung und rasches Wechseln der Fahrspuren nach rechts auf den Standstreifen konnte ich schlimmeres gerade so verhindern. Glück gehabt !

Es stellte sich heraus, dass die Ventile rechts abgerissen waren. Eins steckte radial zwischen Zylinder und Zylinderkopf an Stelle der Dichtung, das andere durchschlug den Kolbenboden und sorgte für einen umfangreichen Aluspanbestand innerhalb des gesamtem Motorengehäuses inkl. Ölpumpe.
Also: kapitaler Motorschaden !

Ventilabriß In der Zwischenzeit hatte *Paul Schneller* schon auf Nachfrage mitgeteilt, dass die Prüfstandsläufe nur von ihm „persönlich“ durchgeführt worden waren. Er hätte den Motor natürlich nie überdreht.
Nun weiß ja jeder um die absolut schonende Messung gerade auf einem einfachen Rollenprüfstand (d.h. ohne zusätzliche Rollenbremse).....
Aufgrund der gefahrenen 1000 km nach Kipphebelwechsel und der Tatsache, dass wir nicht auch noch den Zylinderkopf zerlegt hatten um die Ventile zu prüfen, blieb ich natürlich auf dem Motorschaden sitzen.

 

Daß dies mein Verhältnis zu P.S. nachhaltig trübte, ist wohl verständlich.
Im Nachgang erfuhr ich in den nächsten Monaten und Jahren noch mehr Einzelfälle, in denen (Ex-)Kunden Probleme mit *Enzian-Tuning* hatten.
Fast immer ging es um Versprechungen, die nirgends schriftlich festgehalten waren, Aufträge ohne schriftliche Bestätigung, mündliche Preisabsprachen, verbunden mit nachfolgenden technischen Problemen und fast immer nachträglich höheren Preisen.

Ich sprach mit Leuten, die eine asymmetrische Nocke vom *Paul*  für 300,- € hatten, aber nirgends die Bezeichnung „**2V*“ wie sie bei der von Schleicher für *Enzian-Tuning* produzierten **-Nocke lesen konnten, dafür aber die „308“ der originalen Nocke. Trotzdem lief die besser, waren also keine 308°-BMW-Seriennocken.

Dann telefonierte ich zufällig mit einem Händler für gebrauchte Teile, der mir sagte er hätte von den originalen Nocken „bestimmt schon 50 Stück an *Schneller* “ verkauft. Ach ja, zu einem Preis von 11-15,- € wie er sagte. Die würden genommen um die umzuschleifen......

Inwieweit diese Nockenwellen tatsächlich umgeschliffen und für den Normalpreis verkauft wurden ließ sich nicht zweifelsfrei belegen. Zumindest in einzelnen Fällen ist die Wahrscheinlichkeit groß.  (siehe oben)

Das Problem an umgeschliffenen Nocken ist dabei, das höhere Profil der "**2V*", also in etwa der Verbindung von 324er und 320er Nocken, unter das Seriennockenprofil
zu bringen.
Denn man kann ja nur abschleifen, nicht auftragen.
Das verringert wiederum den Grundkreis erheblich.
Und daß eine Nocke nicht durchgehärtet ist, ist wohl bekannt.
Die Härteschicht ist dazu nicht besonders dick, so daß beim Schleifen die verbleibende Oberflächenhärte eher (zu)gering werden kann.
(Was aber jeder, der eine Nocke umschleift, vermutlich auf´s heftigste dementieren wird.)


 

Starkes Pitting an einer nicht mal 20.000 km gelaufenen Nocke


Bei diesen technischen Problemen fallen so Dinge wie nachfolgend auch nicht mehr ins Gewicht:
*Enzian-Tuning* ist gar kein in die Handwerksrolle eingetragener Betrieb.
Wie auch, wenn der Inhaber keinen Meistertitel hat. (der ist nicht mal Mechaniker sondern übt den durchaus ehrenwerten Beruf eines technischen Verkäufers aus !)

Es gab auch zwei nachweisbare Fälle, bei denen die von ihm getunten
Motoren nach nicht einmal 20.000 km schon so verschlissen waren, daß
wieder eine Totalrevision anstand. In mindestens einem Falle traten dabei
dann allerdings nicht die Teile zutage, die eingebaut sein sollten und für
die er Geld genommen hatte...... von Betrug kann man dabei aber nicht
sprechen weil es kein Urteil eines Gerichts gibt. Es wurde hier nämlich eine außergerichtliche Einigung erzielt.

Und das sind nur die mir zufällig bekannt gewordenen Fälle. Es wäre schon ein seltsamer Zufall wenn ausgerechnet ich von den einzigen Problemfällen seitens der Kundschaft gehört hätte, es also keine weiteren gäbe.......

Fazit:

Ich habe also eine Menge Lehrgeld bezahlt.

Hätte ich von den Erfahrungen anderer schon vorher gehört, wäre ich vorsichtiger gewesen. Insbesondere joviales Schulterklopfen, motorradkumpeliges Dauerduzen, eloquentes Auftreten und Reden, sowie souveränder Auftritt in diversen Motorradforen sind keinerlei Garant für eine professionelle Arbeit.

Wobei ich nicht mal glaube, dass P.S. permanent schlechte Arbeit abliefern
würde. Ich denke, es wird auch passende Kunden geben, die zufrieden sind.
Unter anderen weil er aber die absolut meisten Arbeiten außer Haus fertigen
lassen muß, scheint mir die Qualitätsstreuung eher hoch zu sein. Und wie man
dann danach mit den – berechtigten und unberechtigten - Beschwerden der Kunden umgeht, das ist für mich eine Charakterfrage.
Genauso, wie die Teile zu verbauen, die der Kunde auch bezahlt hat.

Also sollte jeder, der sein Motorrad umbauen oder tunen lassen will, den Arbeitsumfang bzw. die gesamte Arbeitsleitung schriftlich fixieren und sich bestätigen lassen. Eine ordnungsgemäße Rechnung ist sicherlich obligat.
Das sollte zur Klarheit des Auftrages und zum ungetrübten Verhältnis zwischen Kunde und Werkstatt erheblich beitragen.

 

Die Namen der Protagonisten wurden ab Beginn von mir geändert und sind natürlich frei erfunden.

¹Nachdem sich wohl jemand angesprochen fühlte und eine Beschwerde kam, habe ich freiwillig den Namen
am 23.10.2007 in *Enzian-Tuning* geändert.

 

 

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